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Gewerbejournal für den Kaßberg, Kapellenberg, Schloßchemnitz, Altendorf inkl. Flemminggebiet, Rottluff

74. Jahrgang
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"Karoshi" - Arbeiten bis zum Umfallen

Dass Stress krank machen kann ist hinlänglich bekannt, dass Arbeit aber im schlimmsten Fall tödlich endet, noch relativ neu:
Jährlich fordert "Karoshi" rund 1.000 neue opfer

In Japan nennt man den plötzlichen berufsbezogenen Tod "Karoshi". Viele Menschen arbeiten dort so hart, dass sie an den Folgen der Überlastung am Arbeitsplatz einfach tot umfallen - ein meist durch Stress ausgelöster Herzinfarkt oder Schlaganfall.
Es sind Fälle bekannt, indem ein 34-jähriger Mann infolge einer Arbeitszeit von 110 Stunden wöchentlich starb; sowie von einer 22-jährigen Krankenschwester, die mehrmals eine 34-Stundenschicht im Monat absolvierte.
Erstmals trat "Karoshi" 1969 auf. Der Vorfall ereignete sich in der Versandabteilung der größten japanischen Zeitung. Hier verstarb ein 29-jähriger, verheirateter Arbeiter an einem Schlaganfall. Ende der 80er Jahre wurden die Medien auf "Karoshi" aufmerksam und seit 1987 werden vom japansichen Arbeitsministerium Statistiken veröffentlicht.
Inzwischen wird "Karoshi" juristisch als haftungspflichtige Todesart anerkannt. Immer mehr Angehörige von Opfern verklagen die jeweiligen Arbeitgeber auf Entschädigungszahlungen.

Der frühzeitige Tod durch Arbeitsüberlastung ist schier umsonst:
Die meisten Überstunden bekommen japanische Arbeitnehmer gar nicht entlohnt.

Schätzungen besagen, dass bei rund 3.000 Jahresarbeitsstunden 700 Stunden gar nicht bezahlt werden. Der jährliche bezahlte Urlaubsanspruch sank in den letzten Jahren zudem auf durchschnittlich 7,9 Tage

 

Wichtig beim Burn-out:
Multi-Modaler Therapienasatz

Dr. Dipl-Psych. Wolfgang Keeser ist Experte in Sachen Burn-out. Seine besonderen Schwerpunkte liegen in der Integration von Psychologie, Verhaltenstherapie und Forschung.

Glauben sie, dass das Burn-out-Syndrom zunehmend mehr in Erscheinung treten wird?

Keeser: Sehen Sie doch einfach enmal im Internet in einer Suchmaschine nach: Da gibt es heutzutage über 14 Millionen Einträge über Burn-out! Auf medizinischen Links findet man allein rund 7.000 Fachartikel dazu. In den siebziger Jahren gab es über Burn-out beispielsweise noch kaum Literatur. Das allein zeigt auf, dass Burn-out zu einem immer größeren medizinischen und gesellschaftlichen Problem wird.

Welche Altersgruppe ist Ihrer Meinung nach am meisten betroffen?

Keeser: Es sind inzwischen die 30- bis 40-jährigen. Die extrem aufstrebenden, aber auch sehr ehrgeizigen Leute. Sicher spielt hier auch mit hinein, dass heutzutage die Anforderungen von Firmen immer höher werden. Einige meiner Klienten sind beispielsweise Banker. Von den wird einfach erwartet, dass sie eine 60- bis 70-Stundenwoche ableisten, wenn sie weiterkommen möchten.
Selbstverständlich werden sie dafür auch sehr gut bezahlt, das ist eben auch eine Zwickmühle, in der sie sich befinden.

Was spielt bei der Diagnosestellung alles eine Rolle?

Keeser: Auf der somatisch-psychologischen Ebene spielt eine große Rolle, dass sich gerade die Klientel im mittleren Lebensalter in der Regel sehr schlecht ernährt in Hinblick auf ungesunde Fast Food Ernährung. diese Klientel hat keine Zeit mehr für Mittagspausen, der Schlaf-Wach-Rhythmus ist gestört. Abends kommen die Betroffenen kaputt nach Hause und sehen sich noch irgendeinen film an. Die typischen Managertypen haben natürlich auch deshalb oft einen gestörten Schlaf, da sie viel fliegen müssen und oft in Hotels untergebracht sind. Viele verheiratete Klienten haben einen Partner, der den Stress nicht mehr auffangen kann, weil er selbst unter Druck steht - Partnerschaftsprobleme sind also auch schon vorprogrammiert.

In welcher Phase des Burn-out kommen die Klienten zu Ihnen?

Keeser: Viele kommen leider zu spät. Häufig schon mit Symptomen wie zum Beispiel Panik-Attacken oder massiven Schlafstörungen oder Impotenz. Zum Teil versteckt sich das Burn-out sozusagen auch hinter verschiedenen Symptomen, wie hinter einer Maske.

Auf welche Ebene setzt die Therapie an?

Keeser: Auf verschiedene Ebenen. auf der psychologischen Ebene können zum Beispiel Bio-Feedback und verschiedene Entspannungsverfahren zum Einsatz kommen. Die Klienten erhalten Ernährungsempfehlungen, auch auf der Verhaltensebene wird gearbeitet. In Bezug auf die zwischenmenschliche Kommunikation ist auch wichtig, dass soziale Fertigkeiten verbessert werden.

Wie wichtig ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit?

Keeser: Ich arbeite hier in der Praxisgemeinschaft eng mit zwei Neurologen zusammen. Des Weiteren sehr intensiv mit Internisten. Wenn zum Beispiel die Ernährungsproblematik im Vordergrund steht, empfehle ich dem Klienten eine Fachambulanz aufzusuchen, denn viele Klienten sind stress-assoziiert übergewichtig und benötigen spezifische Ernährungsberatung. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist bei der Burn-out-Symptomatik von besonderer Wichtigkeit. Entspannung alleine hilft überhaupt nichts. Es muss wirkllich ein multimodaler Ansatz sein. In kooperation mit Ärzten, eventuell auch sprorttherapeuten, Psychotherapeuten etc.

Was machen Sie persönlich, um nicht an Ihre Grenzen der Belastbarkeit zu kommen?

Keeser: Ich mache häufig lange Spaziergänge und fahre jeden Tag rund 50 Minuten mit dem Fahrrad in die Praxis und wieder zurück. Ich ernähre mich sehr gesund, esse kaum Fleisch, aber viel Fisch. Besonders auch, um mich ausreichend mit Omega-3-Fettsäuren zu versorgen.

 

Vielen Dank für das Interview!

 

 

 

Quelle: "stress||express Ausgabe 1/2007
(Skripthaus, www.skripthaus.com)